11.05.2018

Antwort auf den Offenen Brief des ÖGB zur Arbeitszeit-Flexibilisierung


An den 

Vorsitzenden des ÖGB Tirol Philip Wohlgemuth

 

 

Betreff: 

Antwort auf den Offenen Brief des ÖGB zur Arbeitszeit-Flexibilisierung

 

 

Innsbruck, am 11. Mai 2018

Sehr geehrter Herr Vorsitzender des ÖGB Tirol, 

lieber Philip, 

 

zu allererst möchte ich festhalten, dass "Der Rabe" eine Glosse ist, in der naturgemäß Situationen zugespitzt werden. Es ist in einer Zeitungsspalte auch nicht möglich, sämtliche Argumente abzuhandeln. Trotzdem stimmt natürlich der Kern der Aussage: Es ist für mich als Wirtschaftskammer-Präsident absolut unverständlich, warum sich die Gewerkschaft flexiblen Arbeitszeiten verschließt und sogar in einer gemeinsamen Kampagne mit der AK Fragestellungen formuliert, die nicht seriös sind. Die Frage lautete wörtlich: "Arbeitszeit: Sollen der 12-Stunden-Tag und die 60-Stunden-Woche auch künftig die Ausnahme bleiben und sämtliche Zuschläge erhalten bleiben?" Damit wird unterstellt, dass die Wirtschaft generelle 12-Stunden-Tage fordere und die Zuschläge abschaffen wolle. Ich habe mehrfach dezidiert festgehalten: längere Arbeitstage sollen die Ausnahme bleiben, um Auftragsspitzen abzuarbeiten. Auch an den Zuschlägen wird nicht gerüttelt.

 

Es stimmt zwar, dass längeres Arbeiten in manchen Kollektivverträgen geregelt ist. Doch es fehlen wesentliche Branchen und es ist höchste Zeit, dieses Flickwerk an Regelungen zu beenden und auf eine moderne Basis zu stellen. 

 

Auch deinen Einwand, lange Arbeitszeiten würden krank machen, kann ich so nicht stehen lassen. Dauernd langes Arbeiten würde krank machen, ja, aber es geht nicht um generell langes Arbeiten. Dass sporadische längere Dienste die Gesundheit nicht beeinträchtigen, sieht man in den Bereichen, die schon jetzt 12 Stunden oder mehr arbeiten dürfen – Gesundheitsberufe, leitende Angestellte, KFZ- Lenker, Arbeitnehmer im öffentlichen Verkehr, alle Beamte oder das Personal von Universitäten. Wenn ausnahmsweise längere Dienstzeiten mit entsprechenden, attraktiven Freizeitblöcken kompensiert werden, tritt diese Gesundheitsgefährdung nicht ein. 

 

Und: Ja – ich behaupte, flexible Arbeitszeiten sind eine Verbesserung für die Mitarbeiter. Das sehen sogar die Arbeitnehmer so: Eine Market-Umfrage aus dem Jahr 2017 belegt, dass 85 Prozent der Arbeitnehmer davon überzeugt sind, dass heute mehr Flexibilität notwendig ist als früher. 78 Prozent sagen, dass sie flexibel und bereit sind, phasenweise länger zu arbeiten. Ich bin überzeugt, dass flexiblere Arbeitszeiten den Bestand von Betrieben und damit Arbeitsplätze sichern und es dringend nötig ist, eine für beide Seiten faire Lösung zu erarbeiten und die arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen. Dazu gehören auch der Ausbau der Kinderbetreuung und des öffentlichen Verkehrsnetzes. 

 

Wie unsere eigene Umfrage zu flexiblen Arbeitszeiten belegt, gehen wir dieses Thema sehr seriös an und haben bewusst eine sehr objektive Fragestellung gewählt (die sowohl den Ausnahmecharakter von flexiblen Arbeitszeiten als auch den Erhalt von Zuschlägen betont). Wir lassen uns nur nicht gerne unterstellen, die Wirtschaft würde generelle 12-Stunden-Tage fordern. Solange die Gewerkschaft blockiert wie bisher, muss es erlaubt sein, dies auch so zu benennen. Ich hoffe, das wird sich in nächster Zeit ändern und wir können gemeinsam einen tragfähigen Kompromiss erarbeiten, der für alle Beteiligten den dringend nötigen Fortschritt bringt. 

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Jürgen Bodenseer

 

Präsident der Tiroler Wirtschaftskammer


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