Gewerbe und Handwerk fordert bessere Rahmenbedingungen für die Lehre Wer morgen qualifizierte Fachkräfte will, muss heute in die Ausbildung investieren. Neben den Tiroler Ausbildungsbetrieben ist hier vor allem die öffentliche Hand unter Zugzwang. Ein junger Mensch, der sich für eine Lehre entscheidet, entscheidet sich für einen Berufsweg mit Zukunft – für Qualifikation, Verantwortung und eine echte Perspektive. Damit diese Entscheidung möglich bleibt, braucht es Betriebe, die ausbilden wollen und können. Und es braucht einen Staat, der sie dabei nicht alleine lässt. Bei einer Pressekonferenz der Sparte Gewerbe und Handwerk der Wirtschaftskammer Tirol machten Spartenobmann Franz Jirka, Innungsmeister Josef Norz und Innungsmeister Clemens Happ deutlich, wo es hakt – und was es braucht, um die Fachkräfteausbildung in Tirol zukunftsfest zu machen. Schwieriges Umfeld, aber stabiler Wille zur Ausbildung Die wirtschaftliche Lage ist herausfordernd: Der reale Umsatz im Tiroler Gewerbe und Handwerk ist im Vorjahr um 2,4 Prozent gesunken, die Investitionen gingen um 27 Prozent zurück. Steuern, Bürokratie und Rohstoffpreise zählen laut KMU Forschung Austria zu den drückendsten Belastungen der Betriebe. Und dennoch zeichnet sich nach schwierigen Jahren ein leichter Aufwärtstrend ab. „Unsere Betriebe zeigen Resilienz – aber Resilienz ist keine Dauerlösung. Steuern, Bürokratie, steigende Rohstoffpreise: Das sind strukturelle Belastungen, die politisch angegangen werden müssen. Und genauso strukturell ist das Thema Fachkräfte. Wer heute nicht ausbildet, hat morgen kein Personal – so einfach ist das", betonte Spartenobmann Franz Jirka. Rund 1.800 Lehrbetriebe im Tiroler Gewerbe und Handwerk bilden knapp 4.900 Lehrlinge aus – die Hälfte aller Tiroler Lehrlinge. Österreichweit zählt das Gewerbe und Handwerk knapp 44.000 Lehrlinge. Pro Jahr fließen rund drei Milliarden Euro aus den Betrieben in die Ausbildung. Dem gegenüber stehen eine staatliche Förderung, die chronisch hinterherhinkt, und der fehlende politische Wille, neue Impulse für die Attraktivität der dualen Ausbildung zu setzen. Qualität in der Ausbildung braucht passende Rahmenbedingungen Josef Norz, Innungsmeister der Tiroler Gärtner und Floristen, kennt die Problematik aus der täglichen Praxis. Garten- und Landschaftsbau sind sogenannte "Green Jobs" – handwerklich anspruchsvoll, geprägt von Verantwortung für lebende Systeme und zunehmend auch von modernen Themen wie Bewässerungstechnik, Biodiversität und Klimaschutz. Und doch kämpfen die Betriebe darum, ausreichend Nachwuchs zu finden und zu halten. „Lehre heißt bei uns: echte Baustellen, echte Verantwortung, echte Zukunftschancen. Aber zu viele Jugendliche wissen das schlicht nicht, weil die Berufsorientierung an Schulen nicht so funktioniert, wie sie es sollte. Die Berufe brauchen hier eine größere Bühne - beispielsweise auch an den AHS. Wer einmal geschnuppert hat, bleibt oft dabei. Das Problem ist, dass zu wenige überhaupt den ersten Schritt machen", so Norz. Die Innungen begegnen dem mit Schulkooperationen, Infotagen und Schnupperpraktika. Innerhalb der Betriebe sorgen Ausbildungsbeauftragte, strukturierte Feedbackgespräche und überbetriebliche Unterweisung dafür, dass die Qualität der Ausbildung auf hohem Niveau bleibt. „Wir investieren viel in die Qualität der Ausbildung. Das funktioniert gut – aber nur, wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen grundsätzlich stimmen und wenn der Fachberufslehre wieder mehr Wertschätzung entgegengebracht wird. Hier brauchen wir die Unterstützung der öffentlichen Hand", betont Norz. Lehre und Schule müssen endlich gleichgestellt werden Clemens Happ, Innungsmeister der Tiroler Friseure, schlägt in die gleiche Kerbe und bringt ein leidiges Thema auf den Tisch: Wer eine Lehre macht, wird gegenüber Schülerinnen und Schülern in vielen Bereichen nach wie vor benachteiligt. Das sei nicht nur ungerecht, sondern auch ein falsches Signal an all jene, die sich für die duale Ausbildung entscheiden. „Wir wollen, dass junge Menschen die Lehre als gleichwertige Ausbildung wahrnehmen. Aber solange bei der Matura keine Prüfungsgebühren anfallen, bei einer Lehrabschlussprüfung jedoch schon, senden wir das gegenteilige Signal. Das muss sich ändern." Happ unterstrich zudem, dass die Qualität des Berufsschulunterrichts dringend gestärkt werden muss. Eine gute Lehre gelingt nur, wenn Betrieb und Schule an einem Strang ziehen. Das setzt voraus, dass Berufsschullehrerinnen und -lehrer wissen, wie die betriebliche Realität heute aussieht. Die Sparte fordert daher eine verpflichtende Praxisausbildung für Berufsschullehrpersonen, finanziert durch das Land Tirol, sowie einen deutlich vereinfachten Zugang zum Lehrerberuf für erfahrenen Fachkräften. Schließlich sprach der Landesinnungsmeister die Viertagewoche an, die viele Betriebe vor ein praktisch unlösbares Problem stellt: Wer umgestiegen ist, kann Lehrlinge nach geltendem Recht nicht mehr so einsetzen, wie es für eine gute Ausbildung sinnvoll wäre. Die Sparte fordert daher eine Ausnahmeregelung im Kinder- und Jugendlichen-Beschäftigungsgesetz (KJBG § 11), die tägliche Arbeitszeiten von bis zu zehn Stunden für Lehrlinge ermöglicht. „Das ist keine Forderung gegen den Schutz von Jugendlichen – das ist eine Forderung für eine Ausbildungsrealität, die zur heutigen Arbeitswelt passt. Starre Regelungen aus einer anderen Zeit helfen niemandem, am wenigsten den Lehrlingen selbst." Zukunft der Fachberufslehre politisch absichern Die Botschaft ist klar: Wer qualifizierte Fachkräfte will, muss in die Ausbildung investieren. Die Sparte Gewerbe und Handwerk fasst vor diesem Hintergrund ihre Forderungen an Bund und Land konkret zusammen: Die Betriebliche Lehrstellenförderung muss auf aktuellem Niveau gesichert und vollständig sowie zeitgerecht ausgezahlt werden – ein Rückgang wäre ein fatales Signal an alle ausbildenden Betriebe. Eine Ausnahmeregelung im KJBG (§ 11) soll flexible Ausbildungszeiten von bis zu zehn Stunden täglich ermöglichen, damit die Viertagewoche nicht länger zum Ausbildungshindernis wird. Berufsschullehrerinnen und -lehrer sollen vermehrt aus der Praxis kommen bzw. verpflichtend praxisnah weitergebildet werden – finanziert durch das Land Tirol. Die Gebühren für die Lehrabschlussprüfung sind analog zur Matura vollständig zu übernehmen. „Die Fachberufslehre ist ein Modell der Zukunft. Für junge Menschen, für Betriebe und für den Wirtschaftsstandort Tirol. Aber diese Zukunft muss auch politisch abgesichert werden", stellt Spartenobmann Franz Jirka abschließend fest.