Wirtschaftskammer und Land Tirol nach dem 4. Tiroler Konjunkturgipfel: Tirols Wirtschaft stabil – Sicht nach vorne getrübt Top Tirol Konjunkturbarometer. Die Tiroler Konjunktur hält derzeit ihr Niveau. Gleichzeitig wächst jedoch der Druck: Kosten, Risiken und Unsicherheit steigen, während Erträge und Investitionsbereitschaft zurückgehen. Die Unternehmen brauchen deshalb Entlastung bei den Standortkosten, weniger Bürokratie und verlässliche Anreize für Investitionen. WK-Präsidentin Barbara Thaler, Landeshauptmann Anton Mattle und Wirtschaftslandesrat Mario Gerber präsentierten heute das aktuelle Top Tirol Konjunkturbarometer. Bereits im Vorfeld wurden die Ergebnisse bei der Konjunkturkonferenz mit den Spartenobleuten diskutiert. Diese Konferenz ermöglicht es der Politik, die Lage der Tiroler Betriebe direkt kennenzulernen. Die Umfrage zeigt nicht nur ein umfassendes Bild der aktuellen Lage der Tiroler Wirtschaft, sondern auch der Erwartungen für die kommenden Monate und den konkreten wirtschaftspolitischen Handlungsbedarf. Der Landeshauptmann unterstrich den Stellenwert der Konjunkturkonferenz und verwies darauf, dass sich Tirols Wirtschaft besser entwickle als der Österreichschnitt. Bei den Rahmenbedingungen gebe es aber klaren Handlungsbedarf. „Tirol hat mit dem höchsten Wirtschaftswachstum und der geringsten Arbeitslosigkeit aller Bundesländer gute Voraussetzungen – mein Dank gilt den innovativen und fleißigen Tiroler Betrieben mit ihren Mitarbeitern. Das Konjunkturbarometer zeigt, dass Veränderungen notwendig sind, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Deshalb haben wir uns im Rahmen des Tiroler LH-Vorsitzes massiv eingebracht und werden dies auch weiterhin tun. In Tirol sind wir mit den wöchentlichen Entbürokratisierungsmaßnahmen, dem Recht auf Kinderbildung und Kinderbetreuung und den Ausbau dem standortrelevanten Ausbau der erneuerbaren Energien auf einem richtigen Weg“, so Mattle. Zu den Tiroler Initiativen bei der LH-Konferenz gehörten unter anderem, EU-Bürokratie bereits bei der Entstehung neuer Regeln abzuwenden, Gold-Plating bei EU-Vorgaben zu vermeiden und Doppelgleisigkeiten bei der Finanzmarktaufsicht abzubauen. Wirtschaftslandesrat Mario Gerber verwies auf 70 Reformmaßnahmen im Rahmen des Tirol-Konvents – etwa die digitale Verfahrensplattform und die Vollständigkeitsüberprüfung bei Einreichungen. „Wir setzen unsere Schwerpunkte in den Bereichen Entbürokratisierung, der Stärkung des privaten Konsums und einer Reihe von Zukunftsthemen – von der Digitalisierung bis hin zur Stärkung der Fachkräfte“, erklärte Gerber. Gesamtbild: stabilisiert, aber kostenbelastet Die Tiroler Wirtschaft zeigt sich im Sommer 2026 stabiler, als es das schwierige Umfeld vermuten lässt. Der Geschäftsklimawert liegt mit 18,1 Punkten exakt auf dem Niveau des vergangenen Sommers. Gleichzeitig treten die Problemfelder deutlicher hervor: Kostendruck und Risikowahrnehmung nehmen zu, die Unsicherheit bleibt prägend. „Die Tiroler Wirtschaft hält sich weiterhin stabil, aber die Sicht nach vorne ist trüber geworden. Wir dürfen Stabilität nicht mit Entwarnung verwechseln“, warnt WK-Präsidentin Barbara Thaler. Wirtschaftslage, Aufträge und Auslastung 30,6 % der befragten Unternehmen beurteilen ihre aktuelle Wirtschaftslage als gut, 11,2 % als schlecht. Auch bei der Auftragslage überwiegen die positiven Einschätzungen: 29 % melden eine gute, 20 % eine schlechte Auftragslage. Gleichzeitig ist bei den Erwartungen für die kommenden Monate Zurückhaltung spürbar – besonders im Bau sowie in Industrie und Gewerbe. Die Auslastung hat sich gegenüber dem Vorjahr verbessert, bleibt aber ein Thema: 29,3 % der Unternehmen geben an, dass ihre Anlagen zu wenig ausgelastet sind. Risikowahrnehmung steigt deutlich Besonders auffällig ist der deutliche Anstieg der Risikowahrnehmung. 50,8 % der Unternehmen sehen ein steigendes Geschäftsrisiko. Das ist ein Plus von 15,4 Prozentpunkten gegenüber Sommer 2025 und bedeutet: Erstmals seit Sommer 2022 sieht eine Mehrheit der Betriebe zunehmende Risiken. Belastungsfaktoren, Beschaffungskosten und Ertragslage Die größten Belastungen bleiben die Standortkosten. Arbeitskosten sind mit 71,5 % der meistgenannte Wettbewerbsnachteil, gefolgt von Steuern und Abgaben mit 60,6 % sowie Bürokratie und Regulatorik mit 58,6 %. Gleichauf mit der Bürokratie liegt die allgemeine Unsicherheit, die ebenfalls von 58,6 % der Unternehmen genannt wird. Zusätzlich zieht der Beschaffungskostendruck deutlich an: 63,2 % der Betriebe berichten von steigenden Beschaffungskosten – das ist nahezu eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr. Dieser Kostendruck schlägt sich auch in der Ertragslage nieder, die mit -13,7 Prozentpunkten deutlich negativ ist. „Die Betriebe haben Arbeit, aber immer weniger Luft zum Atmen. Der steigende Kostendruck wirkt sich unmittelbar auf die Ertragslage aus.“, erklärt Thaler. Investitionen bleiben defensiv Dieser Druck auf den Betrieben zeigt sich direkt bei der Investitionsbereitschaft. Nur rund 13 % der Unternehmen wollen in den kommenden sechs Monaten mehr investieren. Auch die Struktur der Investitionsvorhaben zeigt ein vorsichtiges Bild: 58 % entfallen auf Ersatzinvestitionen, 26,3 % auf Rationalisierungsinvestitionen und nur 15,7 % auf Erweiterungsinvestitionen. Damit dominiert klar der defensive Charakter der Investitionstätigkeit. „Investitionen sind der Motor für Wachstum, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Wenn die Sicht nach vorne trüber wird, sichern Betriebe zuerst das Bestehende ab, bevor sie Neues wagen“, erklärt Barbara Thaler. Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen Aus der aktuellen Lage ergeben sich klare Forderungen an die Politik: Die Arbeitskosten bleiben das größte Wettbewerbsproblem für die Tiroler Betriebe. Es braucht dringend die angekündigte Senkung der Lohnnebenkosten durch den Bund im Umfang von rund zwei Milliarden Euro – aber ohne dass diese Entlastung durch neue Belastungen an anderer Stelle wieder verpufft. Gleichzeitig müssen Investitionen wieder attraktiver werden: Dazu sind bessere Abschreibungsmöglichkeiten und schnellere Genehmigungsverfahren notwendig. Auch der Bürokratieabbau muss endlich im betrieblichen Alltag spürbar werden. „Gerade bei EU-Vorgaben brauchen wir mehr Augenmaß. Ich bin überzeugte Europäerin – aber Europa ernst zu nehmen heißt nicht, jede Regel als Erste, strenger und bürokratischer umzusetzen als notwendig“, erklärt WK-Präsidentin Barbara Thaler abschließend.